Die fünfte Stimme: Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble in der Hofkirche

GarbarekHilliard

Foto: Schlange stehen für Garbarek. Lohnt.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich das Unerhörte zum ersten Mal hörte, das Album „Officium“, mit dem das Crossover zwischen Saxophon und den alter Musik verpflichteten Vokalpolyphonikern erstmals und welterfolgreich exerziert wurde. Bis zum heutigen Abend, an dem Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble als Abschluss der ECM Konzertreihe zur Ausstellung im Haus der Kunst auftreten, sind zwei weitere Alben des ebenso ungewöhnlichen wie wegbereitenden musikalischen Experiments erschienen.

Noch ist die rohe Apsis der Allerheiligen Hofkirche leer bis auf die Silhouetten vierer Notenpulte. Dann betritt Garbarek die Bühne, und nach den ersten Saxofontönen summt und tönt es aus der Rückseite des Raumes, die Stimmen bewegen sich in den Seitenschiffen vor zum Bühnenraum, und mit ihnen die vier harmonischen Herren des Hilliard Ensembles, bis sie sich zu ihren Notenständern gesellt haben und für die nächsten anderthalb Stunden so viel mehr sind als ein Plafond und Rankgerüst für Garbareks Saxofon. Sie scheinen ihn doch sehr viel weniger zu brauchen als er sie. Wie ein Fuchs schleicht Garbarek um sie und hinter ihnen herum, um seine Töne in, zwischen und auf ihren Gesang zu legen, und manchmal verlässt einer der Sänger seinen Platz, um im Hintergrund der Apsisrundung zu verschwinden, während die anderen im Trio singen. Manchmal fast zu brutal grätscht das Sax zwischen die im doppelten Sinn englischen Harmonien, dann wieder nimmt Garbarek ganz zärtlich die Töne des Ensembles auf und wird wirklich zur kongenialen fünften Stimme. Vom mitteralterlichen Hymnus über orthodoxe Kirchenmusik bis zu Garbareks Eigenkompositionen reicht das Spektrum, ein Höhepunkt sicherlich Arvo Pärts „Most Holy Mother of God“. Wie sie gekommen sind, entfernen sich die Stimmen in den Seitenschiffen. Zwei Zugaben, ein freches Aufquäken des Saxofons setzt den Schusspunkt. Eine perfekte, zurückhaltende Inszenierung in einem dafür perfekt geeigneten Rahmen. War eine tolle Idee von Manfred Eicher vor 20 Jahren, die Leute zusammenzubringen.

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